Die kleinen Strolche e.V.


Amsel-Projekt: Erlebnisse mit jungen Amseln zurück

Im wilden Wein an unserer Kita haben Amseln ein Nest gebaut. Wir haben sie dabei beobachtet und nun warten wir gespannt, ob dort auch gebrütet wird. Es wird, und schon bald können wir die fleißigen Amseleltern von morgens bis nachmittags herbei fliegen sehen, oft mit dicken Würmern im Schnabel. Wenn wir alle leise sind, können wir die Jungen sogar piepsen hören. Sie werden von Tag zu Tag lauter, woraus wir schließen, dass sie wachsen und kräftiger werden.

An einem Montag im Mai dann das Unerwartete: zwei junge Amseln hüpfen in unserem Innenhof herum, verstecken sich jedoch sofort unter den Sandspielsachen als sie uns bemerken. Klar, sie haben Angst vor uns und können ja noch nicht fortfliegen.

Lebhafte Kinder und kleine Amseln zusammen auf dem Hof, ob das wohl gut geht? Und ob! Schnell finden die Kinder heraus, dass sich die Amseleltern nur zu ihren Jungen wagen, wenn sie selber sich während des Fütterns möglichst nicht bewegen und ausreichenden Abstand halten.

Mit der Zeit stellt sich eine gewisse Routine ein: die Jungvögel verstecken sich, die Kinder spielen, wobei sie immer wieder nach den Kleinen Ausschau halten. Sobald die Vogeleltern erscheinen und sich lautstark melden, ziehen sich alle Kinder in eine Ecke des Hofes zurück und warten, bis die Kleinen gefüttert sind. Danach spielen sie weiter. Oft sitzen Kinder nur auf der Treppe und beobachten die Vögel. So stellen sie fest, dass die Jungtiere noch keine Federn, sondern weichen Flaum am Körper haben und dass ihnen der Schwanz fehlt.

Mit der Zeit werden die Vögel immer zutraulicher, sowohl die Jungen, als auch die Eltern. Oft sieht es so aus, als ob die kleinen Amseln den Kindern bei ihren Spielen zuschauen. Und in ihrer Neugierde lassen sie die Kinder immer näher an sich heran.

Es ist ein sonniger Tag Mitte Juni und wir beschließen, mit allen Kindern auf den nahen Spielplatz zu gehen. Erst gegen Mittag kommen wir zurück und stellen erschrocken fest, dass in unserer Abwesenheit ein Unglück geschehen ist. Ein Amseljunges liegt vor unserem Sandkasten, hat die Augen geschlossen und jappst sichtlich nach Luft. Was ist geschehen? Und wo ist das zweite Junge? Vor allem aber, was ist zu tun? Bevor wir eine Entscheidung treffen können zuckt der kleine Körper noch einmal und liegt dann starr. Selbst den Kindern ist in diesem Moment klar: das Amseljunge ist soeben gestorben.

Einen Moment stehen alle betroffen um das tote Tierchen. Dann reden alle gleichzeitig: "Der arme Vogel." "Wir müssen es beerdigen." "Im Sandkasten." "Das geht doch nicht, da buddeln die Kinder es doch wieder aus." "In einem Blumentopf." "Ach nein, die sind doch viel zu klein." "Dann woanders."

Ja, woanders. Doch wo könnte das sein? "Da, wo wir öfter vorbeikommen." "Ja, wo wir es besuchen können." "Damit wir es nicht vergessen."

"Ich weiß, auf dem Spielplatz." Auf dem Spielplatz. Einen Moment denken die Kinder darüber nach. Dann sind sich alle einig: Der Spielplatz ist ideal. Dort gibt es viele Büsche, und somit Platz für ein Grab. Außerdem gehen wir jede Woche dort hin und können so das Grab regelmäßig besuchen.

"Aber dann brauchen wir eine Kiste oder so, wo wir den Vogel reinlegen. Sonst können wir ihn ja nicht mitnehmen." "Wir können ihn ja nicht mit den Händen tragen."

Als erstes besorgen die Kinder ein Stück Pappe. Vorsichtig schieben wir den toten Vogel darauf. Sofort beginnen die Kinder, ohne darüber zu reden, den Vogel für die Beerdigung zurecht zu machen. Er wird in Sand eingebettet, mit Blumen und Blättern geschmückt und auch Beigaben - "damit er da, wo er jetzt ist, was zu spielen hat, - werden nicht vergessen. Die ruhigen und bedächtigen Handlungen der Kinder erinnern sehr an Rituale primitiver Völker.

Inzwischen wurde auch ein kleiner Pappkarton gefunden und einige Kinder haben ihn mit Stoffresten und Watte ausgepolstert, "damit die Amsel weich liegt." Nun wird die Pappe mit dem Vogel vorsichtig in die Kiste gelegt und dann machen wir uns auf den Weg zum Spielplatz. Langsam und mit ernster Mine tragen die Kinder abwechselnd das Kästchen, wobei sie sich gegenseitig zur Vorsicht mahnen, "damit die Amsel nicht verrutscht und sich wehtut." Alle bleiben zusammen, schauen immer wieder in das Kistchen und niemand kommt auf die Idee, vor zu laufen, wie sie es eigentlich gewohnt sind. Unterwegs unterhalten sie sich über Beerdigungen.

Lea: "Warst du schon mal auf einer Beerdigung?"
Cédric: "Ich nicht."
Ella: "Ich auch nicht. Du?"
Lea: "Nein, noch nie.
Joshua: "Ich auch nicht."
Ella: "Dann ist das jetzt unsere erste Beerdigung."
Eine Weile gehen alle schweigend weiter. Dann:
Lea: "Ich möchte erst sterben, wenn ich ganz alt bin."
Ella: "Ich möchte nicht ganz alt werden."
Lea: "Warum nicht?"
Ella: "Wenn man ganz alt ist, dann ist das Leben so mühsam."
Cédric: "Was heißt das, mühsam?"
Ella: "Dann tun einem die Knochen so weh und alles ist so anstrengend. Das mag ich nicht."
Lea: "Das möchte ich auch nicht."
Cédric: "Ich möchte sterben, wenn ich 28 Jahre alt bin."
Ella. "Warum 28 Jahre?"
Cédric. "Dann ist das Leben noch nicht mühsam und dann tun die Knochen noch nicht weh."
Joshua: "Ich werde überhaupt nicht sterben. Ich werde immer älter, älter und älter.
Lea: "Das geht doch nicht. Man kann nicht immer älter werden."
Joshua: "Ich aber."
Ella: "Ich weiß nicht, wann ich sterbe. Ich will aber nicht in ein Loch gelegt werden. Aber vielleicht werde ich ja auch im Wasser verstreut."
Cédric: "Wieso im Wasser verstreut?"
Ella: Vielleicht werde ich ja eine Flussfrau, wenn ich groß bin. Und die werden, wenn sie gestorben sind, im Wasser verstreut."
Lea: "Das dauert aber noch ganz schön lang, nicht?"
Ella: "Ja, wir müssen ja erst mal groß werden. Und dann müssen wir noch eine Mama werden und dann eine Oma."
Cédric: "Und ich ein Papa und ein Opa."
Lea: "Ja."

Inzwischen sind wir auf dem Spielplatz angekommen und suchen nun nach einer geeigneten Stelle, an der wir unsere Amsel begraben können. Diese Stelle ist auch schnell gefunden, jedoch zeigt sich, dass der Boden zu trocken ist. Die Kinder schaffen es nicht, ein Loch zu graben. Also suchen wir weiter. Erst beim dritten versuch finden die Kinder einen geeigneten Platz. Abwechselnd graben sie eine Kuhle, groß genug, dass die Amsel hineinpasst.

Nachdem sie das Tierchen mit allen Beigaben vorsichtig in das Loch gelegt haben, schaufeln sie die Stelle wieder zu. Derweil machen sich einige daran, Material zu suchen, mit dem sie das Grab schmücken können. "Ein Kreuz, wir brauchen noch ein Kreuz." Eifrig suchen sie nach kleinen Stöckchen aus denen sie mit meiner Unterstützung und mit Hilfe von Kordel ein Kreuz fertigen, das sie anschließend auf das Grab stellen.

"Nun müssen wir aber noch ein Lied singen." Der Vorschlag wird von allen angenommen und so stimmen die Kinder ein Frühlingslied an. Nachdem wir zu Ende gesungen haben verabschieden sich die Kinder von "unserer" Amsel und dann machen wir uns auf den Weg zurück zur Kita.

 
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